• Twitter Social Icon
  • Facebook Social Icon

Copyright © 2018 POETENTOUR. Powered by Wix.

  • Oliver Mörchel

Erzähl mir doch ein paar Märchen!

Aktualisiert: 9. Juni 2018

Vom Reiz der Märchen - im 21. Jahrhundert


Es war einmal ein Märchenbuch, daraus lasen jeden Abend Eltern ihren Kindern vor, bis sie darüber friedlich einschliefen: Unerträglich war das - vor allem für die Kleinen, die schon gern noch gewusst hätten, wie die Geschichte ausgeht. So jedoch bleibt "Rotkäppchen" einer dieser ungeklärten Fälle, in denen sich ein Mädchen auf den Weg macht, aber am Haus seiner Großmutter niemals ankommen wird. Und ewig wiederum wird die Großmutter auf ihr Enkelkind warten, das ihr den ersehnten Wein vorbeibringen sollte: "den guten", von Aldi, in der Korbflasche.


Märchen erzählen

Steht das wirklich so drin? - Sinngemäß ja. Na gut, nein. Von einer Korbflasche war in Rotkäppchen nachweislich nie die Rede. Doch was nützt es? Kindern, denen beim Zubettgehen lediglich ein trockener Hauch von zu viel Sekt entgegenweht, sind solche Requisiten wahrscheinlich bestens vertraut, etwa so gut wie die von "Wolf", die ihnen jeden Tag in der Schule aus der Brotbüchse entgegenknacken. Tolle Wurst. Einer solchermaßen heranwachsenden Generation, in deren Alltag jeglicher Zauber auf der Strecke bleibt, muss man erst einmal gerecht werden - und erklären, wie Märchenerzählen im Jahr 2016 zu einem "immateriellen Kulturerbe" erklärt werden konnte. Wenn nicht Papa abends nach der Arbeit immer so müde wäre - und diesmal ging die Betriebsfeier bei der UNESCO besonders lang. Kein Wunder also...

Kein Wunder also, wenn sich die Poesie da regt wie ein Gelähmter, der sich mehr als herausgefordert fühlt bei den Worten: "Nun nimm dein Buch und geh!"

Und so - das alte Märchenbuch noch einmal in Ruhe aufgeschlagen - ereignet sich mitunter das poetische Erweckungserlebnis, in dessen Verlauf unglaublichere Dinge geschehen als bei einer Speisung der Fünftausend - aus einem einzigen Korb mit einem bisschen Kuchen und Wein. Man wird es nicht anders nennen können: eine Wundertat der Poesie!

Not macht verschwenderisch.

Wenn nach solchen Erfahrungen nun Kinder der Gegenwart auf der Homepage der UNESCO lesen, wo es heißt, dass das Märchenerzählen "Geschichten vor Publikum frei" vorzutragen ermögliche; dass es "neben Helden- und Zaubermärchen auch Schwänke, Tiermärchen, ätiologische Erzählungen, mythologische Stoffe und Mischformen" umfasse; dass fernerhin dadurch "Denkanstöße gegeben und Sinn vermittelt, aber ebenso [...] Sprache gefördert und Phantasie angeregt" werden -- dann sind sie ja geradezu herausgefordert, selber Märchen in die Welt zu setzen, um erfinderisch mit ihrer eigenen Zeit wie mit dem mehr oder weniger überlieferten Bestand an Plots, Motiven und Formen umzugehen. Freilich: Kunstmärchen, denn allein die Kunst kann lebendig machen, was jahrelang gelitten hat, nur rumlag oder längst vergessen ist.

Nun das Bekenntnis: Ich auch. Ich bin so ein Kind der Gegenwart. Und in Weimar, am 3. Juni, werde ich zum ersten Mal davon sprechen: frei vor Publikum.


Oliver Mörchel stellt bei juLi im Juni sein Buch "Rotkäppchen trocken im Märchenwald" vor

Ein neues Kapitel im Genre Märchenbuch

Die UNESCO hat es bereits treffend formuliert: Mit Märchen lassen sich Denkanstöße geben und Sinn vermitteln. Mehr - meine ich - lässt sich nur noch mit Märchennachdichtungen vermitteln. Diese nämlich setzen noch eins oben drauf, eine Schicht mehr Sinn über die altbekannte - und kommen dagegen ganz wunderbar mit weniger Moralglasur aus. Sie müssen auch nicht mit "Es war einmal" beginnen und nicht mit "Und wenn sie nicht gestorben sind" enden. Im Gegenteil: Es ist einmal Zeit, mit einem Sterbefall zu beginnen, beispielsweise.

Vor allem aber bieten derartige Märchennachdichtungen die perfekte Gelegenheit, den Zauber von der Handlungsebene endlich auf die der Sprache zu heben. Ein Satz darin ist dann sozusagen nicht mehr nur ein Tunnel, an dessen Ende den Leser eine einzelne Vorstellung erwartet, sondern, im besten Fall, von Anfang bis Ende gleichsam ein Gang durch ein Spiegelkabinett. Dabei sind Sprachspiele gewissermaßen die Parabolspiegel unter den Stilmitteln, in deren Brennpunkt ein ganzer Märchenwald mitsamt den sprachlichen Purzelbäumen aufschimmert.


Zaubertrank Sprachspiel

Mit Sprache zu spielen ist eine feine Sache, für Klein und Groß. Welches Wort man auch in den Mund nimmt - kann dabei mehr passieren, als sich die Zunge zu verbrennen? Allerhöchstens wird man sie sich brechen, aber lebensgefährlich verschluckt hat sich daran wohl noch keiner.

Einer Gefahr des heiteren Spiels mit der Sprache muss man jedoch deutlich ins Auge blicken, denn es hat mitunter unabsehbare Folgen und gehört doch dazu wie das Salz zum Tequila. Hier wie dort gilt nämlich:

Was runtergeht wie Öl, vermag, auf einen Schlag eine rundum veränderte Sicht auf die Dinge zu eröffnen.

Da strahlen Augen goldig, wo sich der Blick versilbert. Die Zunge verspürt, sich um jedes Hindernis schlängeln zu können, ohne umhinzukommen, an irgendetwas Anstoß zu nehmen. Auf einmal ist es möglich, sich unverhohlen zum Nüchternen und Klaren zu bekennen. Alles eine Frage des Geschmacks?

Alles eine Frage des Stils!

Alles Teil des Spiels, zu dessen bitterem Ende wir womöglich das Gesicht säuerlich verziehen, während wir bereits Gefallen an der Sache finden.