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  • Oliver Mörchel

Weimar - Stadt der toten Dichter und Denker

Aktualisiert: 9. Juni 2018

Warum Goethe und Schiller längst ihren Hauptwohnsitz geändert hätten


"O, Johann!" möchte man klagen. "Ach, Friedrich!" Aber solche Apostrophen würden ja ohnehin nur auf taube Ohren stoßen: Zu hoch ist der Sockel, auf den man euch gestellt hat, zu tatenlos die Hände, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, zu stumm der Blick, der über Weimar weilt. Was wohl in den Bronzeköpfen vorgeht? - Allerdings, wenn man genau hinschaut, ahnt man es. O o o! Der eine denkt: Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze; der andere: was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

Dies ist es nun, das Erbe: glatte, aufpolierte, denkmalgeschützte Fassaden. Blickt man jedoch einmal dahinter, zieht einem plötzlich ein anderes Wort durch den Geist, ein Songtext, inzwischen selbst ein Klassiker: "Hol den Vorschlaghammer!" - O weh, o weh! Das klingt schon nicht mehr bloß nach Rhetorik. Weicht nun die Apostrophe der Katastrophe? Der Unmut erhärtet sich.

Womöglich würden wir Helden werden. Zwar nicht, indem wir Denkmäler mit Parolen beschmierten. Es scheint jedenfalls auch nicht mehr zu reichen, nur (mit der) Faust zu zitieren. Vielleicht ist es - mit den Worten eines anderen Säulenheiligen Weimars - mal wieder Zeit, mit dem Hammer zu philosophieren.


Junge Literatur in Weimar

Der Unmut kommt daher, dass eine Stadt, die keine Mühen scheut, sich als Heimstatt deutscher Dichtung und Denkart zu schmücken, offenbar nichts für lebendige Literatur übrig hat. Hier, wo Schiller nie gewesen ist, wohin sich keine Kutsche verirrt, auf dem Gelände des Weimarer Lichthaus Kino, hatte am 3. Juni 2018 und bereits weit vorher ein studentisches Team überaus motivierter Kulturmanager alles dafür getan, junger Gegenwartsliteratur eine Bühne zu bieten - nein, nicht nur eine: mehrere, ganz verschiedene, drinnen wie draußen, im Rahmen des Literaturfestivals juLi im juni.


Zu dessen 16. Auflage war einfach alles angerichtet, in Weimar einen wahrhaften Feiertag der Kunst zu begehen. Monatelang hatten zuvor überall in der Stadt Plakate geprangt, in den Cafés und Supermärkten Flyer gelegen. Beinahe täglich jagte ein Post den anderen durch die sozialen Netzwerke hindurch, um Musik von Klassik über Pop bis Elektro, Essen von Kokossuppe bis Kirschkuchen und Literatur von Lyrik über Kurzprosa bis hin zu Romanen anzukündigen. Und nun, an diesem frischen Junitag, spielte sogar das Wetter mit wie bestellt. Es fehlte einfach an nichts: außer eben an Publikum, abgesehen von ein paar jungen Leuten. Und der Rest?


Der Rest der "Kulturstadt Europas" - wie nicht einmal der zigtausendste Wartezettel des Weimarer Einwohnermeldeamts müde wird, Zeugnis zu geben - lustwandelte lieber von historischen Wohn- zu Gartenhäusern (oder blieb gleich im Wohnzimmer) und ließ sich von authentisch gewandeten Stadtführern die Jahresdaten der Aufenthalte irgendwelcher durchlauchtiger Damen und Herren herbeirezitieren, ohne auch nur einen Hauch von anregender Sommerfrische zu erleben.

Nicht die Spur eines Regional-, geschweige denn Lokalpolitikers, weder des neuen Bürgermeisters noch seiner ach so kulturbeflissenen ehemaligen Konkurrenten. Nichts zu sehen von städtischen oder überstädtischen Kulturträgern, Stiftungen und Institutionen. Bis auf ein paar unterstützende Moneten nicht auch nur ein Fünkchen aufrichtiger Wertschätzung für diesen wertvollen Kulturbeitrag - im Gedenkjahr des großen Kulturförderers Carl Alexanders. Nichts zu hören von der Presse. Nicht ein Hauch von Interesse.


Was bleibt da?

Etwa nur die Flucht von der Museumsinsel Weimar, bevor sie den Laden ganz abschließen...

Was bleibt da zu sagen? Beschäftigen wir uns eben mit den Alten. Aber was müssen wir da finden - aus dem Munde eines gewissen Johann Wolfgangs:

Uebrigens ist mir Alles verhasst, was mich bloss belehrt, ohne meine Thätigkeit zu vermehren, oder unmittelbar zu beleben.

Und der gute Friedrich hat sowieso immer schon gesagt:

Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen.

Wohlan, bald ist wieder mal Goethes Geburtstag, im Stadtpark: Das wird - ganz sicher - ein großes Fest für die ganze Familie.